Die Eingewöhnungszeit

In Kitas kein Problem und es steht dort auch überhaupt nicht zur Debatte ob es eine Eingewöhnungszeit gibt oder nicht. Man hat verschiedene Modelle, allen voran bekannt ist das Berliner Eingewöhnungsmodell an denen man sich orientiert und die Eingewöhnung durchführt.

„Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde vom Institut für angewandte Sozialisationsforschung/ frühe Kindheit e.V., kurz „infans“ entwickelt. Wichtigste theoretische Grundlage ist die Bindungstheorie nach John Bowlby. Die Eingewöhnung dauert insgesamt ein bis drei Wochen, wobei die individuelle Dauer einer Eingewöhnung immer das Kind selbst durch sein Verhalten und seine Reaktionen bestimmt.“

Mehr unter: http://www.erzieherin-ausbildung.de/praxis/fachtexte-leitfaeden-alltagshilfen/eingewoehnungsmodelle-und-ihre-bedeutung-fuer-die#sthash.6abR27pV.dpuf

Quelle: http://www.erzieherin-ausbildung.de/

Leider, verhält es sich anders, wenn man eine Nanny ist oder nur der Babysitter. Dann wollen die Eltern in den meisten Fällen so schnell wie möglich weg oder in die Arbeit. Ganz problematisch sehe ich auch die Kinder der anderen Familienangehörigen, Freunde, Nachbarn, die man hier und da nur flüchtig gesehen hat. Plötzlich sollen diese kleinen Geschöpfe mit einer Person alleine bleiben die sie kaum kennen.

Gedankenexperiment

Stellen wir uns nun vor wir sind irgendwas zwischen 3-4 Jahre alt. Wir gehen eine Familie besuchen die wir auch regelmässig sehen, mit unserem grösseren Bruder und unserer Mami, mit deren Kindern wir uns auch gut verstehen.  Diese haben eine Nanny, die wir das letzte Mal vor einem halben Jahr gesehen haben, für weniger als 5. Minuten, die vorherigen Treffen liefen ähnlich lang ab. (So richtig „kennengelernt“ hatte uns die Nanny vor über einem Jahr, aber das wissen wir nicht mehr. Und jeder der mit Kindern zu tun hat, weiss auch wie sehr sie sich verändern in einem Jahr.) Wir können uns kaum an sie erinnern, sie ist uns fremd, auch wir sind ihr fremd sind. Wir sollen da zusammen mit ihr und dem kleinen Baby zum Mittag essen, alle anderen sind sehr hektisch, niemand sagt uns aber was passieren wird. Da wir sehr aufgeregt sind und müde, wollen wir aber nicht essen, wir wollen sehen was die anderen machen und steigen vom Tisch. Da beruhigt uns unsere Mutter und legt uns in den Wagen zu schlafen.

Mami ist weg!

Plötzlich wachen wir auf, rufen nach der Mami, doch statt der Mami steht diese fremde Frau vor uns. Sie ist zwar nett, aber wir sind verunsichert, haben Angst. „Mami?“ schreien wir immer wieder. Die Nanny erklärt uns zwar alles, aber wir verstehen es nicht. Sie holt uns aus dem Wagen, wir rennen los, reissen jede Tür auf, schauen nach der Mami, schreien aus vollem Hals ihren Namen, während wir fürchterlich weinen. Die Nanny versucht uns die Jacke auszuziehen, wir schlagen wild um uns. Das Baby wacht auch mittlerweile auf, völlig erschrocken von unserem Gebrüll, fängt es auch an zu weinen. Die Nanny versucht uns zu beruhigen, doch wir haben zu grosse Angst, Panik. „Wo ist meine Mami? Ich kenne die Frau doch gar nicht. Kommt meine Mami wieder? Warum hat sie mich nicht mitgenommen als sie ging aber meinen Bruder schon? Hat Mami mich nicht mehr lieb?“ Das und anderes würde uns allen im Kopf rumgehen, wenn wir an der Stelle des Kindes gewesen wären. Alles andere als schön, oder?

 Vertrauensbruch

Diese Situation ist für die Nanny und vor allem für das Kind sehr belastend, vom Baby ganz zu schweigen. Viele unterschätzen auch, was das bei einem Kind anrichten kann. Ich hatte Eltern, die sich früher immer aus der Krippe schlichen, sobald das Kind in die Gruppe ging, ohne sich zu verabschieden, da sie das Geschrei teilweise nicht ertrugen, was der Abschied manchmal eben mit sich brachte. Irgendwann konnten sie das Kind keine halbe Minute alleine lassen, da das Kind immer Angst hatte, die Mami oder der Papi würden wieder „verschwinden“. Für das Kind ist es ein extremer Vertrauensbruch, auch wenn es das so nicht kommunizieren kann, wenn Eltern einfach sie irgendwo „abladen“ bei Fremden ohne vorherige Eingewöhnung, Vorbereitung. Wenn man dann am  Abend die Eltern auf das Geschehnis hinweist wird es lapidar unter den Tisch gekehrt. Im Endeffekt, auch nicht mein Problem wenn wir es ganz, ganz genau nehmen.

Wir vertrauen auch nicht gleich jedem, oder?

Warum erwarten dann manche Eltern, dass ihre Kinder sich in null Komma nix an fremde Betreuungspersonen gewöhnen sollten? Sind nicht wir Erwachsene diejenigen die den Kindern immer wieder sagen: „Geh nicht mir Fremden mit!“ Aber wenn es uns grossen dann beliebt, dürfen die Kinder dann eine Ausnahme machen? Nein, sie müssen sogar, da sie sich nicht wehren können! Ausserdem müssen sie auch damit klar kommen, dass die Betreuende Person ihnen an die Wäsche geht um ihnen die Windel zu wechseln. Tolle Vorstellung, nicht? Eine ganz fremde Person, die man kaum kennt, zieht einen nackt aus! Manche Mamis und Papis fänden das doch auch ganz toll, würde man das mit ihnen machen! *Ironie

Kinder funktionieren nicht wie wir das wollen

Ich war mal als Kinderbetreuerin auf einer Hochzeit, zusammen mit einer zweiten Dame. In einem Zelt, in dem sich auch die Eltern der Kinder aufhielten sollten wir in einer Ecke die Kinder bespielen von 14 bis 22 Uhr. Dumm nur, dass die Erwachsenen ständig an dem Eck vorbei liefen, die Kinder ständig abgelenkt waren durch die grossen und das Geschehen aussen rum und so ein Miteinander nicht entstehen konnte. Einen anderen Raum hatte es auch nicht, da die Hochzeit auf einem Bauernhof stattfand (das alles wurde ganz, ganz toll von einer Nanny Agentur organisiert!) Lange Rede kurzer Sinn: Die Braut, die selber ein Kind dabei hatte das von uns betreut werden sollte beschwerte sich in einer unmöglichen Lautstärke vor allen Gästen was für besch….Betreuerinnen wir wären, sie würde sich bei der Agentur beschweren, wir könnten ja nicht mal die Kinder von den Erwachsenen fernhalten. (damit diese in Ruhe sich unterhalten, Tanzen und essen können)

Ja, natürlich! Wir bauen am besten eine unsichtbare Wand auf, damit ihr eure Kinder nicht ertragen müsst. Ein kleiner Raum ist ja zu viel verlangt, wo man die Kinder betreuen könnte. Da es regnete konnten wir auch nicht raus und wie ihr euch vorstellen könnt hatten die Kinder ihre besten Sonntagsoutfits an. Ja, aber wir waren natürlich schuld, dass die Kinder (10 Kinder, 1.5-7 jährig) lieber mit den Eltern zusammen sein wollten als mit uns Wildfremden Frauen in einem Eck eingepfercht über 8 Stunden! So funktionieren Kinder nicht! So funktioniert auch Kinderbetreuung an einer Hochzeit nicht! Da hätte selbst eine 1-1 Betreuung nichts gebracht, also bitte. Aber diese Dame wird bestimmt noch ihren Enkeln davon erzählen wie die schrecklichen Kinderbetreuerinnen ihre Hochzeit ruiniert haben.

Nötige Zeit gewähren

Wie auch wir Erwachsenen, brauchen Kinder Zeit um Vertrauen zu fassen, den Menschen kennenzulernen um dann gern mit ihm Zeit zu verbringen. Es muss eine Basis vorhanden sein, bevor wir sie wickeln, sie füttern, ihre Tränen trocknen, all das eben was eine Kinderbetreuerin so macht. Warum verwehrt man den Kindern dieses Recht in einem privaten Haushalt? Oder zu anderen Anlässen? Warum mutet man dem Kind sowas zu? Ich hoffe dieser Beitrag hat einige zum Nachdenken gebracht. Wie handhabt ihr das mit der Eingewöhnung mit dem Babysitter/Nanny usw?

 

Schönes Wochenende

 

Nanny Anny

3 Gedanken zu “Die Eingewöhnungszeit

  1. Ich habe keine Kinder, finde aber die Diskussion auf Facebook auch sehr interessant. Vor allem das Beispiel mit dem Arzt.
    Ich weiß noch, dass ich furchtbar geschrien habe als ich das erste Mal in den Kindergarten bin. Später ging es dann. Aber wir hatten auch Bekannte, die öfter auf mich aufgepasst haben, wo ich nicht gerne hingegangen bin, obwohl mein Vater und der Mann schon zusammen in der Schule waren, es also keine Fremden waren.
    Ich muss aber gestehen, ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, was es für ein Kind bedeuten kann, plötzlich von fremden Menschen betreut zu werden. Sollte ich jemals Kinder haben, werde ich das aber berücksichtigen.

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    • Hallo Tanja. Fremdbetreuung ist ja an sich eine gute Sache, nur sollte man das Kind eben da schritt für schritt ran geführt werden statt reingeworfen, weil man es früher auch so von den eigenen Eltern mitbekommen hat. Es freut mich aber zu lesen, dass der Beitrag zum nachdenken anregt, auch kinderlose 🙂

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  2. Dein Beitrag regt sehr zum Nachdenken an und damit tust Du sicher einigen Kindern einen großen Gefallen ;-). Bin als Kleinkind auch einmal an einer Hochzeit mit anderen Kindern einem mir unbekannten Babysitter anvertraut worden und meine Eltern gingen weg. Das weiß ich jetzt noch, vieles andere nicht mehr ;-).

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