Über das Stillen in der Öffentlichkeit oder: Der Untergang der Diskussion

Seit eh und je immer wieder mal ein Thema: Stillen in der Öffentlichkeit. Ja, leider und nicht nur die Gegner wissen sich manchmal nur mit einem Shitstorm zu helfen um ihren Standpunkt zu verteidigen, sondern auch die Mütter. Schade, wann genau hat der Shitstorm die Diskussionkultur abgelöst? Dass Mütter ihre Kinder stillen müssen ist soweit jedem klar und verständlich.

Über das wo und wie wird allerdings recht heftig diskutiert

Eine Mutter wurde letzte Woche in Berlin gebeten im hinteren Bereich des Cafes ihr Baby zu stillen, da sie sehr exponiert war an dem grossen Schaufenster, wo sie sass. Das Cafe ist auch bekannt dafür, dass es nicht so Familienfreundlich ist. Jeder Wirt hat nun mal sein Hausrecht, das es zu akzeptieren gilt. Ich gehe auch nicht in ein Familienfreundliches Lokal um mich dort über die Lautstärke zu beschweren. Gerade in dem Eck von Berlin gibt es x Cafes und familienfreundliche Betriebe.

Die Dame weigerte sich, verliess das Cafe und startete eine Petition. Völlig übertrieben meinten ich und andere. Denn hat man mit einem Neugeborenen Inc. Studium nicht schon genug um die Ohren? Ist es für das Neugeborene förderlich wenn sich nun die Presse die Türklinke in die Hand drückt?

Ich ging auf die Facebook Seite vom Betreiber und liess dort eine positive Bewertung samt Kommentar. Dass, der nicht nur Applaus ernten würde war mir bewusst, dass ich allerdings aufs schlimmste beleidigt und persönlich angegriffen wurde, das hat mich aus den Schuhen gehauen.

Da es mir sehr unter den Fingern juckte verfasste ich kurzerhand einen   Beitrag für die Huffington Post Deutschland wo ich als Gastautorin veröffentlichen darf. Und für die reisserische Überschrift kann ich wirklich nichts. Bevor der Beitrag veröffentlicht wird, bearbeitet man ihn oder korrigiert Tipper.

Heute möchte ich erläutern, aus pädagogischer und wissenschaftlicher Sicht, warum stillen für das Baby wichtig ist und warum ich persönlich finde, dass es ein intimer Moment zwischen Mutter und Kind ist, der nicht in Mitten von Lärm oder einem Schaufenster stattfinden sollte.

Die Vorteile des Stillens erklärt die Seite: Babycenter.de

„Die Muttermilch enthält tausende Substanzen, die für die Entwicklung des Babys nötig sind. Dazu gehören Wachstumsfaktoren, Immunstoffe und Vitamine. Die Flaschennahrung bietet weit weniger verschiedene Inhaltsstoffe. Außerdem ist die Mischung der Muttermilch perfekt an die Bedürfnisse Ihres Babys angepasst und dadurch auch gut verträglich.

In der Zeit zwischen der Geburt und dem vierten Monat enthält die Muttermilch alles, was Ihr Kleines braucht. Die Zusammensetzung ändert sich nicht nur im Übergang vom Kolostrum (der ersten Milch, die in der Mutterbrust produziert wird) zur echten Muttermilch. Auch im weiteren Verlauf der Monate ändert sich die Milchzusammensetzung immer wieder.

Zwei Faktoren tragen dazu bei, dass Ihr Baby weder jetzt noch später Gewichtsprobleme bekommt. Zum einen besteht durch die begrenzte Menge an Muttermilch nie die Gefahr einer Überfütterung. Wenn Sie dafür sorgen, dass Ihrem Baby an der Mutterbrust nur eine begrenzte Menge Milch pro Fütterung zur Verfügung steht, besteht nie die Gefahr der Überfütterung des Kindes und somit auch kein Risiko für Übergewicht. Außerdem enthält die Muttermilch das Hormon Leptin – es ist wichtig für den Fettstoffwechsel und signalisiert dem Körper, wenn man satt ist.

Zu den Stoffen in der Muttermilch gehören auch Antikörper, die dem Schutz vor Infektionen dienen. Entzündungen des Darms, der Atemwege und der Harnwege sind bei Stillbabys seltener als bei Flaschenkindern. Außerdem kommt es seltener zu Mittelohrentzündungen und Meningitis (bakterielle Hirnhautentzündung).

Die Substanzen in der Muttermilch beugen auch Allergien und Asthma vor. Nachdem mehrere Studien das immer wieder belegt haben, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO unter anderem aus diesem Grund vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen.“
Quelle: Babycenter.de

 

Doch das Stillen dient nicht nur zur Nahrungsaufnahme sondern ist auch ein intimer Moment zwischen Mutter und Kind und immens wichtig für die Mutter-Kind Bindung. Das Kind ist leicht abgelenkt, wenn es inmitten von Tumult gestillt wird. Ich empfehle immer einen leichten Schal darüber zu legen, um äussere Reize zu umgehen. Und ich spreche nicht von den Blicken der anderen, sondern die Reize die auf das Kind einwirken. So ähnlich wie die Empfehlung für Erwachsene nicht TV zu sehen bei der Nahrungsaufnahme sondern sich auf das Essen zu konzentrieren.

Umso unverständlicher ist es für mich, das Stillen gerade in einem Cafe, am Eingang, am Schaufenster stattfinden sollte. Das hat nicht mit Diskriminierung der stillenden Mutter zu tun, das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Es gibt Lokalitäten die sind nichts für mich als ledige Frau ohne Kinder und Lokalitäten die sind nicht Familienfreundlich ausgerichtet. „Ich bin Mutter und ich stille wo ich will!“ dafür habe auch ich leider kein Verständnis, tut mir leid. Wenn ich weiss, dass ein Lokal, Hotel, Bar, Cafe usw. nicht meinen Bedürfnissen entspricht, sehe ich mich nach etwas um das mir mehr zusagt, ohne gleich überall Diskriminierung zu wittern. Oder gar eine Petition zu starten. Ich z.B (und bestimmt viele andere Singles) finde es total daneben, dass ich gewisse Angebote als alleinstehende Person nicht wahrnehmen kann, von den horrenden Aufpreisen in Hotels usw. ganz zu schweigen. Deswegen ein Fass aufmachen? Nee, da suche ich mir etwas, dass eben besser zu mir passt und meinem Budget zusagt.

Wenn ich ein Baby haben sollte, würde ich mich im Vorfeld informieren, bei anderen Müttern, wo es nette ruhige Ecken gibt in der ganzen Stadt, wo ich in Ruhe mein Kind stillen könnte. Vor dem rausgehen noch mal an die Brust legen, hält auch 1-3 Stunden bis zur nächsten Mahlzeit, irgendwann hat das Kind ja einen Rhythmus den die Mutter kennt und somit sich etwas organisieren kann. So nebenbei beim Kaffee trinken oder ähnlichem, ich weiss nicht ob ich das wollen würde. Die kleinen sind eine kurze Zeit in ihrem Leben so bedürftig und so nah bei einem, warum sollten sie dann nicht meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit bekommen, gerade in so einem intimen Moment?

In der heutigen Zeit wird vieles Mal so nebenbei gemacht, aber das Stillen sollte meiner Meinung nach nicht dazugehören. Dieser Augenblick gehört mir und meinem Kind. Auch wäre es schön, wenn mehr Betreiber sich dazu entschliessen würden ein Stillzimmer speziell für Mütter einzurichten oder ein ruhiges Eck, mit einem gemütlichen Sessel oder einem Sofa, im Stillzimmer gar mit einem Wickeltisch. Ich finde es immer noch eine rechte Zumutung, die Wickeltische in den Toiletten.

Ausserdem sollte man auch gegenseitig Verständnis zeigen, denn nicht jeder empfindet es als angenehm wenn neben ihm eine Mutter ihr Kind stillt. Ja, manche sind peinlich berührt, da sie eben eine andere Schamgrenze haben als andere. Das sollte nicht dazu führen, dass man als „Kinderhasser“ degradiert wird oder schlimmeres. Gegenseitige Rücksichtnahme, eine klare und offene Kommunikation ist hier sehr wichtig, auch wenn es sich um die natürlichste Sache der Welt handelt. Wir deutschen und auch die Schweizer sind nicht „Kinderfeindlich“ eingestellt, nur so, wie Eltern „Kinderfreundliche Zonen“ fordern, sollte es nicht gleich verpönt sein, den anderen „Kinderfreie Bereiche“ zu gönnen.

 

Schönes Wochenende

 

Nanny Anny

 

 

 

 

4 Gedanken zu “Über das Stillen in der Öffentlichkeit oder: Der Untergang der Diskussion

  1. Da kann ich nur zustimmen.
    Ich hatte den ersten Artikel auch gelesen und fand ihn (genau wie diesen) genau richtig formuliert. Er oder besser sogar beide sind so geschrieben, dass sie zum Dialog anregen und nicht zu Pöbeleien. Aber das schein ja zur Zeit einfach „In“ zu sein, überall Diskriminierung zu sehen, andere anzufeinden und „Hasskommentare“ zu verfassen, wenn es nicht nach meiner Nase geht.
    Schrecklich.
    Wie bereits erwähnt, finde ich diesen (und auch den vorherigen) Beitrag / Artikel hervorragend. Beide kann ich unterschreiben und möchte mir deswegen jegliche „Anfeindung“ verbieten.
    Gruß
    Ede-Peter

    Gefällt 1 Person

  2. Was ich als sehr unangenehm empfinde, dass manche stillende Mütter total abwertend gegenüber Mütter sind, die nicht stillen können oder wollen. Da werden die jungen Mütter doch total unter Druck gesetzt. Das Stillen MUSS klappen – bei all dem Druck klappt es dann natürlich erst Recht nicht. Vielleicht sind die diskriminierungswitternden Schaufensterstiller einfach geltungsbedürftig. „Schaut her was für eine tolle Mutter ich bin“ – wer das nicht so sieht wird geshitstormed.

    Gefällt 2 Personen

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