Überehrgeizige Eltern und unnötiger Druck

„An der Hand durch die Luft geschleudert und gezerrt: So haben überehrgeizige Eltern ihre kleinen Kinder am 2. April beim Linzer Jugendmarathon über die Ziellinie bugsiert. Die unfassbaren Bilder belegen: Dass viele Kinder dabei heulten, schien ihre Eltern nicht weiter zu stören.“

 

Quelle: Frauenzimmer

 

Ja, die lieben Eltern. Mir, als langjährige Pädagogin entlocken solche Meldungen nur noch ein Kopfschütteln. Denn entsetzt bin ich keineswegs. Zu sehr habe ich mich an das Bild und die Tatsache gewöhnt. Es ist natürlich klar, wer sich eine Nanny leisten kann ist auch extrem gut verdienend. Genauso gross wie die Gehaltschecks dieser Menschen ausfallen sind auch ihre Erwartungen an ihre Kinder. Höher, schneller, weiter, koste es was es wolle. Der Spiegel brachte vor einiger Zeit eine tolle Ausgabe zum Thema, hier ein kleiner Ausschnitt:

„Wir müssen uns immer wieder gegenüber überambitionierten Eltern rechtfertigen. Die beschweren sich nach Hospitationen, weil das, was sie gesehen haben, nicht genug nach Lernen aussieht. Manche sagen: „In der Vorschule gibt es zu wenig Hausaufgaben.“ Ein Vater hat gemeckert, weil Ausflüge auf Spielplätze und nicht in Parks oder ins Planetarium gingen. Dabei ist es viel wichtiger, dass Kinder erst mal ihren Stadtteil kennenlernen.

Freies Spiel mögen viele Eltern gar nicht. Aber Sachen wie Herumtollen, Rennen, Springen und auch mal Hinfliegen sind enorm wichtig für die Entwicklung von Kindern. Die Eltern sagen nur: „In der Zeit könnte man Zahlen oder Englisch lernen.“ Die wollen Bildung von Anfang an und verkennen, dass Spielen Lernen ist.

Selbst Eltern, die Krippenkinder anmelden, fragen oft: Wie oft findet Vorschule in der Woche statt? Wie viele Kinder sind in der Vorschulklasse? Welche Fächer werden angeboten? Bei Anmeldungen kommen auch regelmäßig Fragen nach Angeboten. Wenn ich dann den normalen Kita-Alltag mit Spielen, Essen und Basteln schildere, fragen die nach Fremdsprachenangeboten und Lesen lernen.“

Mitarbeiterin im Leitungsteam einer Kindertagestätte, Hamburg

Quelle: Spiegel

Als ich neulich meine Rückreise aus Deutschland antrat, sass ich neben einem netten Herrn um die fünfzig, und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich raus, dass er drei Kinder hat, eines davon mitten in der Pubertät. Schule geschmissen, keine Lust auf Ausbildung, hängt nur noch vor dem Pc am Gamen, mag kaum raus gehen. Der Vater, ein hoher Angestellter der Stadt Zürich hatte bereits vorher alle Hebel in Bewegung gesetzt um den Jungen irgendwo unter zu bekommen, vergeblich. Auch, dass er nun so Lustlos und Träge war, konnte er sich nicht erklären, früher ging er doch zum Tennis, zur Klavierstunde, nachmittags zum Französischunterricht und in diverse AGs. Ich tastete mich vorsichtig heran und fragte ihn mit einem leichten Zwinkern, ob er den Verdacht hätte, dass sein Sohn evtl. unter die Kiffer gegangen sei. Er verneinte vehement, er kenne seinen Sohn, ausserdem sitze er nur zu Hause rum, der Konsum würde auffallen. Wir waren auf einer Wellenlänge, also traute ich mich auch weiter nachhaken, auch auf die Gefahr hin, diesen netten Menschen zu verärgern. „Meinst du, ihr habt ihn damals ein wenig überfordert mit all den Aktivitäten?“ Und wie aus der Pistole geschossen kam: „Ja, ich glaube schon. Aber weisst du, jeder in unserer Familie hat studiert und auch all unsere Freunde sind Akademiker. Man möchte automatisch, dass das eigene Kind dann auch studiert!“ Er schaute dabei nachdenklich zu Boden und tat mir ehrlich gesagt auch Leid. Am Ende der Reise und unseres Gespräches musste er zugeben, nun wäre er froh, würde sein Sohn „nur“ eine Lehre machen…

Als Eltern will man natürlich nur das beste für das Kind und wer bringt einem schon bei, wie man das umsetzt? Pädagogen ist man ja meist böse, wenn diese auf eine eventuelle Überforderung des kindes Hinweisen. Dabei meinen wir es gar nicht böse oder wollen die Eltern persönlich angreifen.  Man gibt sei Bestes in der Hoffnung, dass es auch das Richtige ist. Und nun, da der Sohn auch eine Wahl hatte, rebellierte er und wollte erstmal gar nichts. Kein Druck, keine Aktivitäten, einfach nichts. Klar, wenn man uns Jahrelang von einem Termin zum anderen schleifen würde, ohne dass wir mitbestimmen können, würden wir auch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit dem ganzen einen Riegel vorschieben. Was er ja nun mit seiner „Null Bock“ Haltung tat. Niemand kann es ihm verübeln. Nur ist es jetzt ein denkbar schlechter Zeitpunkt.

Jedes Kind entwickelt sich nach dem eigenen Tempo. Führende Wissenschaftler bestätigen auch was ich denke: Frühförderung im speziellen Sinn auf etwas hinaus ist sinnlos. Man verschafft dem Kind damit keinen Vorteil. Es entwickelt sich besser, wenn es Kind sein darf, Erfahrungen sammeln kann und nicht all seine Freizeit durchgeplant ist wie bei einem Manager. Kinder lernen spielerisch, so wie wir Erwachsene auch. Es ist ein Trugschluss zu glauben, man muss steif in einer Schulbank sitzen und dem Frontalunterricht lauschen um wirklich was zu lernen. Ganz im Gegenteil.

Auch schlechte Noten sagen nichts über die Intelligenz des Kindes aus, denn auch da sind Eltern spitze im Druck machen. Gute Noten zeigen lediglich, dass das Kind den Stoff auswendig gelernt hat und die einzig richtige Antwort auf die gestellte Frage weiss. Ausserdem finde ich die Benotung ab so einem frühen Alter total fehl am Platz, denn es erzeugt Druck und fokussiert sich auf die Dinge die das Kind nicht kann und verringert somit sein Selbstwertgefühl, anstatt es aufzubauen. Man tötet die Neugierde und schafft Frust statt Lust. Lernen sollte aus Neugierde passieren, Spass machen, ohne Angst und Druck was in der Schule meist unmöglich ist. Dann noch der Druck von den Eltern. Das Fiasko ist perfekt.

Ich möchte weiter auf das Thema eingehen, da es mich auch betrifft. Ich betreue unter anderem ein Mädchen in der zweiten Klasse. Und werde das nächste Mal aufzeigen wie das Gehirn funktioniert und wie der Mensch lernt, alles wissenschaftlich fundiert. Ausserdem ein paar Tipps und Tricks von Vera Birkenbihl. Ihre Methoden sind bis heute unangefochten und funktionieren.  Ich kann jedem der mit Kindern zu tun hat oder Selbstlerner ist, die Fortbildungen zu dem Thema ans Herz legen. Es gibt auch Kurse in Deutschland oder in der Österreich bis hin zur Zertifizierung, die ich im Moment anstrebe.

 

Schönes Wochenende

 

Nanny Anny

 

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