Früher war alles besser, oder?

Immer wieder hört man von Eltern oder Grosseltern diesen Satz: „Früher, ja früher war alles besser!“ Doch was genau ist dran? Dieser Frage möchte ich heute auf den Grund gehen.

Früher, ja was bedeutet das genau? Zeiten ändern sich, die Wahrnehmung verändert sich.

Früher: Das war die Zeit, in der man alleine morgens in die Schule lief. Man belächelte damals Kinder, die von ihren Eltern in die Schule gebracht oder gefahren wurden. Früher, das war die Zeit, in der man als Kind nach dem Mittagessen raus ging und in der Abenddämmerung wieder heim kam. Die Zeit in der man ohne Helm Fahrrad fuhr, auf Bäumen kletterte und mit Kratzern und Wunden heim kam. Niemand kam damals auf die Idee, Eltern anzuzeigen deswegen oder nach Schuldigen zu suchen wenn das Kind mal mit Schrammen nach Hause kam. Man versorgte die Stelle, gab ein Pflaster drauf und gut war. Und vor allem: Man überlebte all das! Klingt unglaublich, oder?

Kein Handy, niemand wusste recht wo man war, keine Überwachung. Man hatte Freunde, die in der Nachbarschaft wohnten oder man traf sich mit ihnen auf dem Spielplatz. Man war sogar so frech, da ging man doch tatsächlich an die Türe der Freunde, ohne vorher anzurufen oder gar, dass die Mütter ein „Play Date“ vereinbarten. „Ist der XY da?“ oder“ Darf XY bitte raus zum Spielen kommen?“ Alles recht unkompliziert. Man vertraute seinen Kindern und vor allem seiner Erziehung.

Schlimme Dinge passierten. Es gab auch damals Pädophile, Entführungen, eben all das was es eben schon immer gab. Ich mag mich gut erinnern als ich acht Jahre alt war. Meine Freunde und ich waren alleine auf dem Spielplatz, da kam ein Mann und entblösste seinen Penis vor uns, fing an daran zu spielen. Ich schrie ihn an, alle anderen machten mit. Der Mann erschrak, ging aber nicht weg. Also liefen wir weg und erzählten zu Hause was passiert war. Weil man uns das so beigebracht hat. Weg laufen, nicht mit Fremden mitgehen, nichts von Fremden annehmen. Laut rufen wenn wir Angst haben, den nächsten Erwachsenen um Hilfe bitten. Man besprach Situationen anstatt immer mit dabei zu sein als Erwachsener. Ja, das geht alles schon mit acht Jahren.
Doch wenn ich mir achtjährige heute ansehe, bin ich mir nicht sicher, ob die nicht vor lauter Schockstarre überhaupt reagieren könnten. Denn ich habe nicht das Gefühl, dass man ihnen das immer einbläut oder ihnen überhaupt so weit vertraut, dass sie ein paar Stunden alleine los ziehen könnten ohne Elterliche Aufsicht. „Ja, früher war alles besser, da konnte man noch als Kind raus den ganzen Tag!“ Warum sollte das heute nicht mehr möglich sein? Es sind die Eltern die den Kindern da im Weg stehen. Man blockiert vor lauter Angst ihre Selbstständigkeit, ist beim Spielplatz immer vor Ort, die Kinder sind nie ohne Aufsicht, ohne Kontrolle. Und diese Angst, die wird geschürt durch die Medien. Wenn man bei Google nur: Kindesmissbrauch, 60iger, 70iger Jahre usw. eingibt, wird man erschlagen mit den Ereignissen von damals.

Früher war also alles besser? Mitnichten! Man hat nur nicht in Echtzeit, weltweit mitbekommen was so los ist.

Ausserdem wurde viel auch verschwiegen oder vertuscht aus Scham. Nur was sich gewisse Pfarrer raus genommen hatten, weltweit, einfach grausig! Früher, ja früher wurden die Kinder auch in der Schule und auch zu Hause körperlich gezüchtigt. Früher war also alles besser? Wann war denn genau dieses Früher? Kinder leiden heutzutage nicht unter den schlimmen Bedingungen und den Bedrohungen von aussen, sondern unter der Angst ihrer Eltern. Klar, ich mache mir auch Sorgen, wenn die Kinder zu spät aus der Schule kommen, aber nicht weil ich ihnen nicht traue, sondern weil nicht ich sie erziehe 24/7.

Selbstständigkeit würde bei mir an erster Stelle stehen. Und je früher man beginnt den Kindern etwas zuzutrauen, desto mehr wachsen sie an sich. Das Selbstwertgefühl wächst auch mit den übertragenen Aufgaben. Und es erleichtert nicht nur den Kindern das Leben, sondern auch euch Eltern. Denn wie oft höre ich Eltern sagen „Wir kommen zu gar nichts, das Kind kann sich kaum beschäftigen.“ Später dann: „Das Kind kann nicht aufräumen, Sorge tragen zu seinen Sachen:“ „Der Jugendliche übernimmt keine Verantwortung, hat keinen eigenen Antrieb…“ und so weiter und so fort. Die Zusammenhänge werden meist nicht erkannt. Später, wenn die Kinder dann Flügge werden sollen und es nicht werden: „Was haben wir nur falsch gemacht, dabei haben wir alles für dich getan!“ Ja, genau da wird wohl das Problem liegen, die Eltern tun alles für ihr Kind. Überbehütung aus Angst. Angst ist nie ein guter Ratgeber und wird kontraproduktiv.

Traut euren Kindern ruhig etwas zu und traut euch vor allem als Eltern zu, die Kinder so erzogen zu haben, dass sie wissen was zu tun ist im richtigen Augenblick. Sie können keine eigenen Erfahrungen machen und ausprobieren wenn sie von euch Eltern rund um die Uhr überwacht werden, wenn alles durchgeplant ist. Das lässt keinen Spielraum für Entfaltung.

 

Schönen Sonntag

 

 

Nanny Anny

4 Gedanken zu “Früher war alles besser, oder?

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