„Mein Kind kann schon mit 5. Jahren lesen!“

„Mein kleiner Prinz konnte schon mit 5. Jahre lesen. Mensch, was waren wir stolz, er war schliesslich der einzige in seinem Alter der das Lesen beherrschte. Wir übten täglich mit ihm, ausserdem auch schreiben. Ein Jahr später als er in die Schule kam, berichtete seine Lehrerin, dass er ständig den Unterricht störte, schwätzte oder sonstigen Blödsinn veranstaltete. Sie meinte er wäre unterfordert. Dabei meinten wir es nur gut und wollten ihm durch die früher Förderung nur einen Vorteil verschaffen!“

So oder so ähnlich könnten einige Gespräche demnächst ablaufen, denn es wird immer mehr zum Trend, dass Kinder bereits vor Schulanfang lesen und schreiben lernen. Wenn nicht in der Preschool dann zu Hause. Allerdings bedenken die Eltern dabei wenig, dass es absolut kein Vorteil bringt, sondern die Kinder sich langweilen in der Schule, anfangen den Klassenclown zu spielen und sonst wie der Unterricht stören. So können sie schnell zum Aussenseiter werden.

Wozu die Eile?

Wenn man manchen Eltern zuhört, insbesondere Mütter, könnte man meinen die kindliche Entwicklung sei eine Olympiade. Das eigene Kind muss dabei immer als erster den nächsten Entwicklungsschritt getan haben, am besten gar 3. überspringen. Mütter überbieten sich mit ihren Kids, als würden sie einen Award bekommen. Dabei wird meistens übertrieben und auch gelogen was das Zeug hält. Doch wozu diese Eile? Wir werden heutzutage im Schnitt ca 83. Jahre alt. Bedenkt man wie kurz im Vergleich zum gesamten Leben die Kindheit ist, frage ich mich oft:

Warum nimmt man den Kindern diese kurze Zeitspanne weg und füllt ihren Kalender mit Terminen, als seien sie kleine Manager?

Eine 40. Stunden Wochen für (Klein) Kinder, wozu?  Frühförderung mit 4. Jahren? Geige-Klavier-Chinesisch, Balett und „was auch immer Unterricht“ nach der Kinderkrippe, Kindergarten, Schule? Brauchen Kinder eine Frühförderung und was nützt diese?

Salman Ansari, Lehrer, Naturwissenschaftler und Autor gab vor ein paar Jahren der ZEIT ein Interview zum Thema, nach dem sein Buch „Rettet die Neugier“ erschienen ist.

Ein kleiner Auszug

ZEIT: Mit Ihrem aktuellen Buch Rettet die Neugier richten Sie sich vor allem gegen die Überfrachtung der Kindergärten mit akademischen Inhalten, gegen eine naturwissenschaftliche Frühförderung, die sich vor allem auf vorgegebene Experimente und Lerneinheiten stützt. Was läuft da falsch?

Ansari: In allen Stiftungen und Projekten, die sich auf die naturwissenschaftliche Frühförderung spezialisiert haben – egal ob das Haus der kleinen Forscher in Berlin oder das Science Lab in München –, wird versucht, die Welt aus akademischer Perspektive zu erklären. Mit dem kindlichen Denken hat das oft nichts zu tun.

ZEIT: Den Befürwortern der naturwissenschaftlichen Frühförderung kommt es ja bekanntlich vor allem darauf an, dem zukünftigen Fachkräftemangel vorzubeugen.

Ansari: Die Behauptung, dass wir durch intensive Frühförderung später qualifiziertere Fachkräfte gewinnen, entbehrt jeglicher Grundlage. Das ist reine Spekulation. Für mich bleibt rätselhaft, warum dieser Frühförderwahn so viel Zustimmung findet.

ZEIT: Sie selbst sind ein gefragter Experte in Kindergärten, auch sie arbeiten mit den Kindern an Themen aus der Natur. Und Sie sind als promovierter Chemiker ein Akademiker. Was machen Sie denn anders?

Ansari: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Chemielehrer an die Odenwaldschule kam und vor einer fünften Klasse stand. Ich habe sofort gemerkt, dass ich meine Doktorurkunde getrost in den Mülleimer werfen kann. Im Unterricht hat mir der Doktortitel gar nicht geholfen. Dann habe ich begonnen, nachzudenken, wie Kinder eigentlich lernen. Ich versuche, die Kinder selbst kreativ werden zu lassen, sodass sie neue Ideen mit mir gemeinsam generieren können. Ihnen Raum und Zeit zu geben, an der Lösung einer Frage aktiv mitzuarbeiten. Aus den kognitiven Wissenschaften weiß man, dass  der emotionalen und geistigen Entwicklung der Kinder sehr  gut tut. Sie gewinnen dadurch mehr Selbstvertrauen und das Gefühl, ich schaff das – ich kann das.

Quelle; ZEIT und das ganze Interview Ich hatte mich auch mal zu dem Thema Neugierde und Leistung geäussert, auf dem nicht so freundlichen Zwillingsblog: Leistungsdruck tötet die Neugierde 

Warum üben also so viele Eltern so grossen Druck auf die kleinen aus?

Wäre es nicht besser, man hält ihre Neugierde am Leben? Denn nur so lernen sie Gehrin gerecht, so, dass sie es auch nach Jahren abrufen können. Nur mit Neugierde, werden sie gewillt sein, weiter zu lernen. Ohne Druck und einem schlechten Gefühl in der Magengrube: Ich kenne heute noch genug Erwachsene, denen sich die Nackenhaare sträuben erwähnt man Schule, Lernen oder Prüfungen. Fragt man sich wirklich woher das kommt? Und vor allem: Ist es nicht sehr schade?

Gerade in der heutigen Zeit gibt es nicht nur den Weg über die Matura (Abitur) zum Studium. Und braucht es immer ein Studium, damit aus einem mal später was wird? Sollte das Kind nicht einfach glücklich sein mit dem was es macht?

Muss man mit 3 Jahren schon diverse Fremdsprachenkenntnisse haben? Und mit 5.Jahren wirklich schon lesen oder schreiben können? Wäre es nicht schön, würden die Eltern ein wenig von kindlicher Entwicklung und den kindlichen Bedürfnissen wissen, anstatt es nur gut zu meinen? Oder gar eine Olympiade daraus machen um so noch mehr Druck zu erzeugen? Ich wünschte mir, wir würden unsere Einstellung noch mal überdenken und den Kindern ihre Kindheit gönnen, der Stress und der Druck..die kommen noch früh genug. Heute würde ich aber trotzdem gern von euch wissen: Wie handhabt ihr das? Frühförderung Ja / Nein und warum?

Herzlichst

 

Nanny Anny

 

Pic. Pixabay…..Nicht jeder ist ein kleiner Einstein, in der Tat sind das die wenigsten

9 Gedanken zu “„Mein Kind kann schon mit 5. Jahren lesen!“

  1. Hier gibt´s keine Frühförderung. Ich beantworte Fragen und entdecke mit den Kindern zusammen neue Dinge. Manchmal lerne ich selbst noch etwas. Kinder lernen von ganz alleine, wenn man sie lässt. Fragen kann man immer beantworten. Zu allen Themen. Man muss sie nur altersgerecht formulieren. Ansonsten heißt das Stichwort: Spielen fördern!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich halte von Frühförderung nichts. Wozu? Wenn ich teilweise von Kindern lese, die mit 19/20 Monaten in die Logopädie müssen, weil sie zu wenig Wörter können, dann schüttelt es mich.
    Ich denke oft, wenn ich so von anderen Eltern höre oder lese was ihr Kind schon alles kann, am besten noch vor der Zeit, dann habe ich das Gefühl, dass sie am liebsten hören würden, dass ihr Kind hochbegabt ist. Steht ja auch überall, wenn das Kind Fähigkeit X früh (also vor den festgesetzten Zeitrahmen) erlernt, dann ist es ganz bestimmt hochbegabt. Dass das, selbst wenn es so ist, in den ersten Jahren (vor allem auch in der Schule) kein Vorteil ist, kapieren die wenigsten. Sie wollen sich halt mit etwas brüsten. Haste was biste was, you know.

    Gefällt 1 Person

    • Guten morgen 🙂

      Ja, in der tat das wollen viele hören. Ich kenne eine Mutter, die hat ihr Kind 3 (!) mal zu verschiedenen Psychologen geschleift, da sie nicht wahr haben konnte, dass ihr Kind nicht Hochbegabt ist. Viele wollen auch nicht verstehen, dass Hochbegabung sich nicht immer in guten Noten spiegelt.

      Leider, ja. Das Kind dient als verlängertes Ego 😦

      Schönes Wochenende

      Gefällt 1 Person

      • Dazu fällt mir immer wieder ein Buch ein, kennst Du bestimmt: Kindheit ist keine Krankheit von Michael Hauch. Er beschreibt auch dieses Phänomen, dass Eltern, vor allem „intellektuelle“, nicht ertragen können, dass ihre Kinder „normal“ sind. Ich finde auch, dass eine zu frühe Förderung die Entwicklung der eigentlich wichtigen Fertigkeiten, nämlich die, die zum Kind passen (und eventuell sogar sein Talent sein könnten) blockieren, weil es ihm die Zeit nimmt und in eine bestimmte Ecke zwängt. Ich glaube auch nicht, dass ein Kind früher mehr spricht, nur weil es Logopädie bekommt. Wenn es noch nicht so weit ist, ist es noch nicht so weit. Ja, Kinder als verlängertes Ego oder als Projekt. Meine Tochter ist jetzt 14 1/2 Monate. Dauernd kriegen wir zu hören, warum sie denn bitte immer noch nicht läuft, so langsam sollte sie doch mal. Und dann erzählt mir unsere, schon ältere, Nachbarin, das Kind einer Freundin lief nicht, bis es 2 1/2 war. Hat keiner ein Drama drum gemacht, selbst die Mutter hats mit Humor genommen. Heute wäre das Kind mit spätestens zwei in der Physiotherapie deswegen.

        Gefällt 1 Person

      • Ja…jedes Kind hat sein Tempo. Und der Meinung bin ich auch – wenn man dem Kind genug Raum gibt – erst dann entdeckt es seine Fähigkeiten und Talente – im eigenen Tempo. Aber als Pädagogin darf man eh nix sagen zu solchen Eltern. Werden ja automatisch, mit der Geburt des Kindes Experten rund um das Kind und wissen eh eh immer besser…

        Gefällt 1 Person

  3. Da kann ich dir nur zustimmen. Ich arbeite in einem Kindergarten und allein die Diskussionen mit Eltern, die ihre Kids früher einschulen wollen, während die Kids aber noch lange nicht so weit sind, sind furchtbar. Es bringt niemandem was durch die Schule zu rennen. Ich bin gerade 22 und im Master und das in einem Sozialen Bereich. Ich muss mich quasi täglich für mein Alter rechtfertigen und beweisen. Und ich wurde mit 7 eingeschult und nicht mit 5.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo!

      Ja, daran erinnere ich mich auch noch gut, als ich im Kiga gearbeitet habe. Konnten keinen Stift halten aber zu Hause waren sie der nächste Picasso. Ich wurde mit 5 Jahren eingeschult und auch noch jetzt muss ich mich teilweise noch rechtfertigen. Zum Glück aber nicht so wie mit 22 Jahren..da sah ich noch auf wie 17, lach.

      Alles Gute für den Master und lass den Kopf nicht hängen. Es wird besser =)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s